Bericht über den Zustand der Artenvielfalt

Kennen Sie Leopoldina? Haben Sie schon mal in den Medien etwas von Leopoldina gehört? Leopoldina ist die Institution, in der die besten WissenschaftlerInnen Deutschland zusammenarbeiten, um die Bundesregierung in den großen Fragen der Menschheit Rat zu geben. Und die hat dieser Tage einen beeindruckenden Band zum Zustand der Artenvielfalt vorgelegt. Beziehungsweise: der Band ist vor allem erschreckend. Professor Detlev Drenckhahn war der federführende Autor des Bands. Hier erklärt er, wie es um die Artenvielfalt in Deutschland wirklich steht – und was jede*r einzelne von uns tun kann, um Bienen, Insekten, Feldvögeln und Co eine bessere Überlebenschance zu ermöglichen.
Herr Drenckhahn, wie beurteilen Sie den Zustand der Artenvielfalt?
Weltweit ist die Situation sehr bedenklich. Das Artensterben hat eine sehr hohe Rate an für immer aussterbenden Arten. In den letzten 30 Jahren sind weltweit rund 30 Prozent und in weiten Teilen Europas bis zu drei Viertel der Insektenmenge zurückgegangen. Insekten sind mit 70 bis 80 Prozent die artenreichste aller Tiergruppen, die an Bodenbildung, Bodenfruchtbarkeit, Bestäubung, oder als Grundlage der
Nahrungsketten vieler höherer Tierarten Schlüsselfunktionen einnehmen. Das Insektensterben kann daher als Abbild eines bedenklichen Niedergangs der gesamten Biodiversität gewertet werden.

...und in Deutschland?
Das ist in Deutschland genauso. Hier wurden zuerst die massiven Verluste an Insekten beschrieben und das geht unvermindert so weiter allen in den letzten zehn Jahren sind noch einmal 30 Prozent an Insektenverlusten hinzugekommen.
Lesen Sie - alles über die Gründe dieser Entwicklung - z.B. über den Anteil der LW, der 80% beträgt ....den 85 Prozent des globalen Stickstoff- und Phosphatverbrauchs mit seinen schädlichen Auswirkungen auf Landökosysteme, Gewässern und Meeren beruht auf dem Düngemitteleinsatz in der Landwirtschaft und etwa 300 bis 400 Millionen Tonnen an chemischen Pestiziden,

Was ist der Grund für diese Entwicklung?
Der Anteil der Landwirtschaft am Artensterben beträgt global 80 Prozent. Die Biodiversitätskrise ist vor allem eine Krise der Landnutzung durch die Landwirtschaft. Man glaubt immer, dass Industrie oder Infrastruktur das schlimmste sind, die spielen aber flächenmäßig keine Rolle. Es ist vor allem die Umwandlung von natürlichen Ökosystemen in landwirtschaftliche Nutzfläche, die vielen Arten den Lebensraum nimmt und sie vernichtet. 70 Prozent des globalen Süßwasserverbrauchs entfällt auf die Landwirtschaft, 85 Prozent des globalen Stickstoff- und Phosphatverbrauchs mit seinen schädlichen Auswirkungen auf Landökosysteme, Gewässern und Meeren beruht auf dem Düngemitteleinsatz in der Landwirtschaft und etwa 300 bis 400 Millionen Tonnen an chemischen Pestiziden, werden hauptsächlich durch die Landwirtschaft in die Umwelt eingebracht.
Gleichzeitig hat es in den vergangenen Jahren viele Bemühungen in Deutschland gegeben, Landwirtschaft nachhaltiger zu machen. Ist die Artenschädigung durch Landwirtschaft nicht eher ein Problem anderer Weltgegenden?
Der Biodiversitätsverlust in Deutschland ist auf die letzten 100 Jahren bezogen sogar fast ausschließlich auf die Landwirtschaft zurückzuführen. Die Leopoldina hat vor zwei Jahren schon einmal ein Papier zu den Auswirkungen der Landwirtschaft auf die Artenvielfalt veröffentlicht: Viele Arten der der Wiesen und Felder sind in den letzten 30 Jahren um 60 bis 90 Prozent zurückgegangen, zum Beispiel der Kiebitz und das Rebhuhn.

Aber hat sich das nicht durch das gestiegene Problembewusstsein abgebremst in jüngster Zeit?
Das geht laufend so weiter. Auf den intensiv gedüngten Maisäckern, Raps- und Getreidefeldern, die zu drei Vierteln der Gewinnung von Bioenergie und Tierfutter dienen, gibt es kaum Leben. Kaum ein Vogel wird sich auf diesen Feldern ernähren können, weil Insekten und Wildkräuter gezielt durch Pestizide bekämpft werden. Die Vielfalt der Agrarlandschaft an Tümpeln, Waldsäumen, Hecken, Brachen, Mager- und Feuchtwiesen, ist aus Gründen der Maschinengerechtigkeit und Produktionssteigerung weitgehend verschwunden. Der Verzicht von Freilandhaltung von Rindern bewirkt einige Intensivierung der Wiesenlandschaften durch Einsaat von Hochertragsgräsern, starker Düngung und drei- bis sechsfacher Grasernte im Jahr. Diese Form der Landnutzung ist extrem biodiversitätsfeindlich, und das betrifft immerhin fast 50 Prozent der gesamten Landesfläche von Deutschland. Auf diesen Flächen haben Insekten und Vögel nur noch eine sehr geringe Überlebenschancen. Die Landwirte können wegen der Subventions- und Globalisierungspolitik der Europäischen Union und Deutschlands kaum anders handeln.

Sie stecken also in einem Dilemma?
Das ist unter auch ein Problem der Flächenprämien von 300 Euro pro Hektar. Um die Prämie zu erhalten, muss ein Landwirt oftmals auch solche Flächen unter den Pflug nehmen, die eigentlich überhaupt nicht ertragreich oder nur schwer zu bewirtschaften sind. Das ist eines der Probleme im Förderrecht, die geradezu eine Schädigung der Biodiversität verordnet.
Sehen Sie Unterschiede durch für den Artenschutz zwischen Bio-Landwirtschaft und Nicht-Bio-Landwirtschaft?
Man kann schon sagen, dass auf Bio-Flächen eine höhere Vielfalt vorkommt. Aber: Auch der Klimawandel ist entscheidend für die Artenvielfalt. Und in Sachen Klimawirksamkeit ist die Bio-Landwirtschaft nicht unbedingt viel besser. Wenn ein Biohof auf einem ehemaligen Moorboden pflügt ist das nicht anders, als wenn dort ein konventioneller Betrieb pflügt. Methan entweicht in beiden Fälle. Hinzu kommt die notwendige Haltung von Vieh, um Wirtschaftsdünger zu erhalten. Das wiederum ist sehr klimaschädlich, teilweise schädlicher als ein mäßiger Einsatz von Kunstdünger.

Irgendwie müssen wir uns aber ernähren?
Natürlich. Um gleichzeitig Klima und Biodiversität zu schützen, müssen wir aber unsere Ernährung ändern. Das Hauptproblem ist, dass wir 70 Prozent der Ackerfläche nutzen, um Fleisch und Energie zu produzieren und nicht, um die Menschen mit Grundnahrungsmitteln zu versorgen. Die Ernährung der Menschheit tritt aus ökonomischen Gründen in den Hintergrund. Die Tierfleisch- und Milcherzeugung verbraucht auch über 70 Prozent der globalen Landwirtschaftsflächen, liefert aber nur 18 Prozent der globalen Lebensmittelkalorien. Über zwei Drittel der Nahrungsmittelkalorien geht bei der Umwandlung von Getreide in Fleisch verloren. Und paradoxerweise leiden fast 900 Millionen Menschen der Erde unter Hunger. Hinzu kommt, dass die Fleischproduktion für fast 15 Prozent der Klimagase weltweit verantwortlich ist, mehr als die gesamte EU mit ihrem Energieverbrauch ausstößt. Zusätzlich benötigen wir zur Fleischproduktion große Importe an Futtermitteln aus dem Ausland, zum Beispiel von Soja. Damit verbunden ist ein großer internationaler ökologischer Fußabdruck. Deutschland ist durch seine Importe an der Rodung von etwa einer Millionen Hektar Regenwald verantwortlich vor allem wegen der Tierfuttereinkäufe.

Wie ändern wir das?
Diesen übermäßigen Verbrauch an Fleisch können wir uns aus Gründen des Klimawandels und der Biodiversität nicht mehr länger leisten. Fleisch ist in Maßen ein wertvolles Nahrungsmittel. Etwa 300 bis 500 Gramm Fleischverzehr in der Woche sind ausreichend und noch gesundheitsverträglich. Wir verbrauchen aber derzeit mehr als das Dreifache dieser Fleischmenge, 80 Kilo pro Kopf im Jahr.

Diskussionen dazu führen regelmäßig zu Streit und Frust auf allen Seiten.
Das nützt aber nichts. Die Rodung der südamerikanischen Regenwälder und Savannenwälder dient fast nur dem Zweck der Fleischproduktion. Und das können wir uns nicht mehr leisten. Wenn der Fleischkonsum halbiert werden würde, könnte man zwei Millionen Quadratkilometer der Landwirtschaftsflächen wieder aufforsten oder sich in Savannen umwandeln lassen und so gewaltige Mengen an CO2 aus der Atmosphäre entfernen, auch bei Ernährung von zusätzlich 25 Prozent mehr Menschen um 2050.

Was kann Politik da tun?
Auf jeden Fall muss die Politik die Landwirte weiter fördern, sonst müssten die meisten von ihnen aufgeben. Aber die finanzielle Förderung muss so umgeschichtet werden, dass Landwirte nicht so sehr auf Fleisch, Milch und Produktionssteigerung setzen müssen. Davon können sie heute wegen der Überangebote kaum noch leben. Für viele Landwirte ist dieser enorm arbeits- und investitionsintensive Sektor ein Nullsummenspiel. Ihr Überleben wird hauptsächlich durch die EU-Zahlungen ermöglicht. Das nutzt der Lebensmittelhandel mit Dumpingpreisen aus. Der Lebensmittelhandel ist dadurch ein indirekter Empfänger der Subventionen.

Wird Fleisch teurer?
Es müssen unbedingt alle Klima- und Umweltschäden beim Fleisch, aber auch bei allen andern Produkten eingepreist werden. Nach unserer Einschätzung wird man um eine direkte oder indirekte CO2-Besteuerung von Fleisch nicht herumkommen. Das wird beim Auto ja auch gemacht. Ich verstehe nicht, warum das Fleisch davon befreit sein sollte. Die Steuereinnahmen könnte man den Menschen ja pro Kopf zurückgeben. Kinderreiche Familien hätten dadurch einen größeren Vorteil. Sie würden deshalb aber dann nicht mehr des zu teuer empfundenen Fleisches kaufen. Und der Staat kann noch mehr tun: In öffentlichen Kantinen und Schulen kann man stärker auf Fleisch verzichten und das auch aus Gründen der Gesundheitsvorsorge. Säugetierfleisch und deren Produkte erhöhen das Darmkrebs- und Herzinfarktrisiko. Es gibt ja viele vollwertige eiweißhaltige vegetarische Angebote wie zum Beispiel Linsen, auch aus regionalem Anbau.

Beobachten Sie in der jüngeren Vergangenheit auch Fortschritte?
Vor allem dort, wo Naturschutzgebiete entstanden sind oder wo Landschaftswandel in Agrarflächen nicht stattgefunden hat. 30 bis 50 Prozent der Landoberfläche müssen zur Bewahrung von 80 bis 90 Prozent der heutigen Biodiversität geschützt werden. Das besagt eine Vielfalt von wissenschaftlichen Untersuchungen. Dazu gehört auch, die wertvolle Biodiversität europäischer Agrarlandschaften zu bewahren: Ob das Streuobstflächen sind, Mähwiesen oder extensive Äcker. Seit der Steinzeit und dem Mittelalter hat sich in unserer Agrarlandschaft eine wertvolle und besonders artenreiche „anthropogene" Biodiversität herausgebildet, die an die Landnutzung durch Landwirte gebunden ist. Wir brauchen die Landwirtschaft und Landnutzung zum Erhalt dieser Biodiversität in Mitteleuropa – aber keine Übernutzung, die zum Arternsterben führt.